Casa Nova trifft auf 827 qm
Wenn die Werke nicht von Kuratoren in Exponate, vom Markt in Gold und von
der Kritik in Texte verwandelt werden, scheint irgendwas zu fehlen. Sind sie
zudem eingebunden in eine Ausstellung, die ohne flotte Inszenierung,
Weisswein und Obertongesang, ohne Bookshop, Cafe und PR-Agentur auskommt,
geht auch noch, so scheint es, die Erlebnisqualitat des Ausstellungsbesuches
flöten.
"827 qm" ist so eine Ausstellung. Sie wurde von KunstlerInnen selbst
kuratiert und organisiert und wird in den eigenen Ateliers gezeigt. In dem
Fall sucht das Publikum vergeblich nach der gewohnten Benutzeroberfläche,
bestehend aus Garderobe und Eröffnungsrede, Preisliste und Getränkekarte,
kurz: Styling und Ambiente. Fehlt der Kunst im Atelier jedoch die
Gebrauchsanleitung, die beispielsweise vom Markt und den Institutionen
mitgeliefert wird, muß sie aus eigenen Kräften die Möglichkeiten zu ihrer
Decodierung bereitstellen.
Daß die beteiligten Aachener KunstlerInnen sich diesem Problem stellten, war
ihnen in jedem Fall zuzutrauen. Daß aus dem Problem aber schließlich ein
Konzept wurde, in das die meist kontextbezogenen Werke nahtlos eingefügt
werden konnten, ist keinesfalls selbstverständlich und hebt diese
Ausstellung aus dem Feld der zahlreichen Veranstaltungen namens "Offene
Ateliers" positiv hervor, wie sie in Nachbarstädten längst üblich geworden
sind.
"827 qm" präsentiert sich als Kontrastfolie zum Kunstort Museum. Beginnt
die Ausstellung in den privaten Ateliers doch leicht zeitversetzt mit dem
öffentlichen "Casa Nova"-Fest, das Museumsdirektor Ulrich Schneider
anläßlich der Übergabe des neuen, erweiterten Suermondt-Ludwig Museums im
noch leeren Gebäude in der Wilhelmstraße stattfinden läßt. Das Kunstmuseum
zeigt sich für drei Tage diesmal ohne die bildende Kunst, als leere Architektur,
untermalt vom Kurzfilmprogramm des Aachener Filmhauses e.V. zu den Themen
"Raum" und "Architektur" und angereichert mit Musik und Performance,
Literatur und Mode. Die Museumssammlung selbst befindet sich größtenteils
noch auf der Reise durch japanische Museen. Wer während dieser Tage und
danach nun vom Museum zur Kunst möchte, muß nicht in den Flieger steigen,
sondern lediglich auf eines der Fahrräder, die am Suermondt-Ludwig Museum
zum Verleih herumstehen. So gelangt man mühelos zu den sieben Kunststationen,
die zusammen "827 qm" ergeben.
Vom zentralen Ort der institutionell geprägten Kunstrezeption geht es also
zu den Ateliers, zu den Orten dezentraler Kunstproduktion. Aus diesem
komplementäaren Verhältnis von Museum und Ateliers drängte sich die zeitliche
Verbindung beider Projekte gleichsam auf.
Zudem nutzten die zehn Aachener KünstlerInnen die Gelegenheit, gleich noch
fünf auswärtige KünstlerInnen als Gäste mit ins Spiel zu bringen. Die nutzen dann
ihre Distanz kreativ, wie etwa Manou Soobhany, der den Zusammenhang der
Gruppenausstellung sichtbar in Erscheinung treten läßt. Masaki Nakao aus
Tokyo konzentriert sich auf die formalen Qualitäten im sozialen Raum,
während Sylvie Ungauer (Frankreich) sich in den medialen Raum hineintastet.
Susan Salinger aus New York blickt durch die Kamera auf Fremdes und Fernes
und der Isländer Gulli Bjarnason schließlich richtet sein Augenmerk auf
Zustandsveränderungen in der Aachener Textilindustrie.
Bekannte und unbekannte Heimspiele lassen die KünstlerInnen aus Stadt und
Region erwarten. Thomas Bortfeldt erprobt in der Malerei bewährte Verfahren
im Medium Skulptur und erschließt zusammen mit dem Bildhauer Cornelius May
den Schlachthof als Kunstort. Jutta Krause geht es um die nie gesehenen
Aspekte der Bilder, ihre Transparenz und Kehrseite. Anette Berns zeigt die
wahren Gesichter von KünstlerInnen und die Arbeit von Waltraud Pohlentz
kreist um die Natur des Atelierdachs. Die Spuren eines einschneidenden
Ereignisses findet Christoff Guttermann im Schwedenpark. Stefan Pfaff Hosch
kehrt von einer belgischen Erzählung zurück ins Atelier und wird hier durch
eine Bodensprengung zum Kern der Sache vorstoßen. Uschi Kütz erstellt aus
geschmackvollem Baumaterial schwebende Räume und schwergewichtige Skulpturen
und Pit Brüssel schließlich zeigt das Unternehmen Zukunft von seiner
absurden Seite.
Mit den zirkulären Strukturen eines Kunstbetriebs, dessen
Selbstbeschreibungen zum eigentlichen ästhetischen Objekt zu werden drohen
oder der sich gegenüber den Alltagsstilisierungen nicht mehr unterscheidet
und dabei noch die süße Gefahr des eigenen Verschwindens genießt, befaßt
sich eine Aktion des Kunstvereins "Mehrwert e.V.". In einem Linien-Bus des örtlichen Verkehrsunternehmens ASEAG
als siebte Station von "827 qm" wird ein
Informationsbüro eingerichtet, das über lokale und überregionale
Kunstereignisse und -projekte unterrichtet. Zugleich aber ist der
"Info-Bus" die Simulation eines im Kulturellen tätigen
Dienstleistungsunternehmes, das seine Präsenz im öffentlichen Raum bis
in internationale elektronische Netze hinein unter Beweis zu stellen
versucht.
Aachener Ateliers und Stadtraum:
Sa 2.7. u. So 3.7. 11 -- 19.30, Di -- Fr 16 -- 19, Sa, So 12 -- 18 Uhr,
Info-Bus 1. -- 10.7., tägl. 11 -- 19 Uhr.
2. -- 16.7.
827 qm: Malerei, Skulptur, Rauminstallation, Fotografie, Videoinstallation und
Aktion:
Suermondt-Ludwig Museum
Aachen, Wilhelmstr.
1.-3.7.1994, ganztägig ab 11.00 Uhr
"Casa Nova":
Fest anläßlich der Übergabe des erweiterten Museumgebäudes
Christian Bracht